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Deine persönliche Betriebsanleitung: was du über dich weißt, aber nie aufgeschrieben hast

Es gibt eine Menge Wissen über die eigene Funktionsweise, das nie an einer Stelle steht – und deshalb bei jeder Entscheidung neu erraten wird.

6 Min. Lesezeit

offenes notizbuch mit einer einfachen handgezeichneten skizze auf einem schreibtisch neben einer kleinen tischlampe

Die meisten Menschen wissen überraschend viel über ihre eigene Funktionsweise. Dass die konzentrierte Arbeit vormittags passiert und nicht nach 16 Uhr. Dass zwei Abendtermine in Folge zu viel sind. Dass Entscheidungen leichter fallen, wenn man vorher mit jemandem gesprochen hat.

Dieses Wissen hat nur einen Nachteil: Es steht nirgends. Es taucht im Nachhinein auf – „das hätte ich wissen können“ – und wird vor der nächsten ähnlichen Entscheidung wieder nicht abgerufen.

Eine persönliche Betriebsanleitung ist der Versuch, es einmal an eine Stelle zu bringen. Nicht als Selbstanalyse, sondern als Nachschlagewerk.

Warum das meiste Selbstwissen nicht verfügbar ist

Was man über sich weiß, liegt in Episoden vor: ein bestimmter Abend, eine bestimmte Woche, ein Projekt, das schiefging. Aus Episoden entsteht aber keine Regel, solange niemand sie nebeneinanderlegt.

Dazu kommt, dass solche Einsichten typischerweise im falschen Moment auftauchen: nach der anstrengenden Woche, nicht davor. Die Entscheidung, die sie beeinflusst hätten, ist dann schon getroffen.

Und schließlich gibt es eine stille Erwartung, man müsse sich das merken können. Niemand erwartet das von Passwörtern oder Terminen – nur bei Wissen über sich selbst gilt Aufschreiben als Umweg.

Bedingungen statt Eigenschaften

Der entscheidende Unterschied, und der häufigste Fehler beim ersten Versuch.

Eigenschaft: „Ich bin introvertiert.“ Damit lässt sich am Dienstag nichts anfangen; es ist eine Zuschreibung, die nach einer Woche mit vier Abendterminen genauso dasteht wie vorher.

Bedingung: „Nach mehr als zwei Terminen mit vielen Menschen brauche ich einen Abend ohne Verabredung, sonst bin ich am nächsten Tag kurz angebunden.“ Das lässt sich prüfen, und es lässt sich einplanen.

Bedingungen haben immer dieselbe Form: eine Situation, eine Folge. Je konkreter die Situation, desto brauchbarer der Satz. Was dabei an unausgesprochenen Regeln ohnehin schon mitläuft – unbemerkt und oft von anderen übernommen –, beschreibt der Beitrag über die unsichtbaren Regeln.

Sechs Bereiche

1. Energie

Wann hast du tatsächlich Energie, und wovon geht sie weg? Nicht nach Gefühl, sondern nach Beobachtung.

Beispielsätze: „Zwischen 9 und 12 Uhr entsteht die Arbeit, die schwer ist; nachmittags geht nur noch Abarbeiten.“ – „Telefonate laugen mich mehr aus als Treffen, auch kurze.“

2. Konzentration

Unter welchen Bedingungen entsteht zusammenhängende Arbeit? Ort, Umgebungsgeräusch, Tageszeit, Vorlauf.

„Mit offenem Postfach entsteht nichts, egal wie lang der Zeitblock ist.“ – „Wenn ich vorher eine Gliederung habe, fange ich an; ohne nicht.“

3. Entscheidungen

Wie entscheidest du tatsächlich – nicht, wie du es gern hättest?

„Ich entscheide gut, wenn ich die Sache einmal jemandem erklärt habe.“ – „Je länger ich eine Entscheidung offen halte, desto schlechter wird sie, nicht besser.“

4. Belastung

Woran merkst du zuerst, dass es zu viel wird? Die ehrlichen Antworten sind meist unspektakulär.

„Das erste Zeichen ist, dass ich Nachrichten lese und nicht beantworte.“ – „Ich werde ungeduldig im Straßenverkehr, bevor mir die Überlastung bewusst wird.“

5. Zusammenarbeit

Was brauchst du von anderen, und was erzeugt zuverlässig Reibung?

„Kurzfristige Terminverschiebungen kosten mich mehr als zusätzliche Arbeit.“ – „Ich brauche den Zweck einer Aufgabe, sonst mache ich sie schlecht.“

6. Erholung

Was erholt tatsächlich – im Unterschied zu dem, was sich wie Erholung anfühlt?

„Ein Abend auf dem Sofa mit Telefon fühlt sich wie Pause an und ist keine.“ – „Nach einem langen Spaziergang bin ich am nächsten Tag konzentrierter.“

Warum sich Erholung dabei so häufig nach Zeitverschwendung anfühlt, beschreibt der Beitrag über genau diesen Widerstand.

Die Belegregel

Jeder Satz braucht zwei konkrete Beispiele aus den letzten zwölf Monaten. Keine zwei Beispiele – kein Satz.

Diese Regel ist der eigentliche Mechanismus. Ohne sie entsteht ein Text aus Selbstbeschreibungen, die plausibel klingen und sich nie überprüfen lassen. Mit ihr fällt ungefähr die Hälfte der ersten Entwürfe weg – und zwar die Hälfte, die man über sich erzählt, statt sie beobachtet zu haben.

Bei den übrig gebliebenen Sätzen lohnt eine zweite Prüfung: Könnte das Gegenteil ebenfalls zutreffen? Wer „ich arbeite gut unter Druck“ aufschreibt, sollte zwei Beispiele dafür haben und sich an mindestens ein Gegenbeispiel erinnern. Woran sich eine Regel von einer Häufung unterscheiden lässt, beschreibt der Beitrag Muster oder Zufall.

Wann du sie liest

Das Schreiben ist der kleinere Teil. Entscheidend ist, dass der Text an drei Stellen wieder auftaucht:

  • Vor einer größeren Zusage. Ein neues Projekt, ein zusätzlicher Termin, eine Rolle – fünf Minuten Lesen vorher ersetzen mehrere Wochen Ärger.
  • Bei der Wochenplanung. Besonders die Abschnitte Energie und Belastung.
  • Nach einer schlechten Woche. Nicht um zu bewerten, sondern um zu prüfen, ob die Bedingungen eingehalten waren.

Der dritte Punkt ist der aufschlussreichste. Erstaunlich oft lässt sich eine schlechte Woche vollständig durch drei Sätze aus der eigenen Anleitung erklären – die man kannte und nicht beachtet hat.

Praktisch hilft, wenn der Text nicht in einer Datei liegt, die nie geöffnet wird. In Mentavo kann so etwas als Journal-Eintrag stehen und bleibt neben Zielen, Routinen und Check-ins desselben Zeitraums sichtbar – also dort, wo auch die Planung stattfindet.

Was sich ändert und was nicht

Einiges in so einem Text hält über Jahre: wie du Entscheidungen triffst, woran du Überlastung merkst, was dich erholt. Anderes hält ein Jahr: Arbeitszeiten, Belastungsgrenzen, Prioritäten.

Deshalb gehört einmal jährlich ein Durchgang dazu – am besten zusammen mit einem Jahresrückblick. Zwei Fragen genügen: Welcher Satz stimmt nicht mehr? Welcher fehlt?

Dass ein alter Satz nicht mehr passt, ist dabei kein Fehler im Text. Es ist der nützlichste Teil des Durchgangs.

Teilen – oder nicht

In Unternehmen kursiert eine verwandte Form: die Betriebsanleitung für Kolleginnen und Kollegen, oft als „Working with me“ bezeichnet. Sie ist nicht dasselbe, und die Verwechslung ist der häufigste Grund, warum die private Fassung unbrauchbar wird.

Die geteilte Fassung wird für Leser geschrieben. Dadurch verschiebt sich unbemerkt, was hineinkommt: Sätze, die kompetent klingen, Eigenschaften, die man gern hätte, und nichts, was in einem Gespräch über Gehalt gegen einen verwendet werden könnte. Das ist nachvollziehbar und macht sie als Selbstauskunft wertlos.

Wenn beides vorhanden sein soll, hilft eine klare Trennung: zwei Dokumente, unterschiedliche Zwecke. In die geteilte Fassung gehören Arbeitsweisen, Erreichbarkeit, Vorlieben bei Rückmeldungen – Dinge, die anderen die Zusammenarbeit erleichtern. In die private Fassung gehört alles, was man nur aufschreiben kann, wenn niemand mitliest.

Die Reihenfolge ist auch hier wichtig: Wer zuerst die geteilte Fassung schreibt, schreibt die private danach fast zwangsläufig in derselben Tonlage.

Was dieser Artikel nicht behauptet

Eine persönliche Betriebsanleitung ist kein Persönlichkeitstest und keine Diagnose. Die Sätze darin sind Beobachtungen über eigene Bedingungen, keine Typzuschreibungen.

Der Text behauptet auch nicht, dass Selbstkenntnis zu Veränderung führt. Sie tut es häufig nicht – warum, beschreibt der Beitrag über Selbstkenntnis ohne Veränderung.

Und er behauptet nicht, dass sich alles einhalten lässt. Viele Bedingungen stehen im Widerspruch zu Verpflichtungen, die nicht verhandelbar sind. Sie zu kennen hilft trotzdem – schon weil man dann weiß, was einen die Woche kosten wird.

Fazit: Du weißt es schon, es steht nur nirgends

Der Aufwand für so einen Text liegt bei ein bis zwei Stunden, und das meiste davon ist Erinnern, nicht Nachdenken.

Zwölf bis zwanzig Sätze reichen. Jeder mit zwei Belegen, jeder als Bedingung formuliert, keiner als Eigenschaft.

Und der Moment, in dem sich der Aufwand auszahlt, ist nicht der, in dem der Text entsteht. Es ist der, in dem eine Zusage ansteht und man fünf Minuten vorher nachliest, was man über sich längst weiß.

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